Erzählen in den Medien – Ein Erfahrungsbericht vom Kölner Kongress 2018

Am 3. März war ich mit einer Freundin und meiner Schwester auf dem Kölner Kongress des Deutschlandfunks. Das Thema war „Erzählen in den Medien“.

Weil ich den Deutschlandfunk ohnehin total super finde, der Eintritt frei war (wir bezahlen schließlich Gebühren, wir privilegiertes Volk! ^^) und das ganz nebenbei ein super spannendes Thema ist, bin ich natürlich auf nach Köln!

Ich habe leider nur drei Vorträge geschafft, dazu eine Live-Performance der Studenten der Berliner Kunsthochschule bestaunen dürfen und war am Abend noch beim Live-Hörspiel im Kammermusiksaal dabei.

Ein paar meiner Eindrücke sind hier gesammelt. Viel Spaß!

BTW: Ihr könnt euch die Vorträge alle beim Deutschlandfunk als Podcast anhören! Einfach auf die Links klicken. ^^

deutschlandfunk funkturm nacht

Gleichzeitigkeit und Simultanität von Johannes Ullmaier

Johannes Ullmaier berichtete von seinem Forschungsprojekt zum Thema Simultanität, bei dem es darum geht, eine Terminologie für dieses Phänomen zu entwickeln. Schon in der Beschreibung klang das Thema etwas kryptisch, aber ich stehe ja auf kryptisches Zeug. Tatsächlich war ich aber eher von einer philosophischeren Herangehensweise an das Thema ausgegangen, wurde jedoch mit einer sehr systematischen, fast schon naturwissenschaftlichen Darstellung überrascht.

Es ging zunächst einmal um eine Definition des Begriffes Simultanität, was zuerst ein Verständnis des Zeitbegriffs vorrausetzt. Und der ist gar nicht mal so einheitlich, wie man im alltag so annimmt. Über Einstein, Plack, Augustinus und Plutin stellte Ullmailer unterschiedliche Definitionen des Zeitbegriffes vor.

Hinzu kommt, dass dem Begriff Simultanität je nach Disziplin auch bereits eine Sonderbedeutung zugeschrieben ist, eine allgemeine Definition ist also gar nicht so leicht. Selbst wenn man sich auf ein gemeinsames Verständnis einigt, so machte er deutlich, kommen weitere Phänomene hinzu, die das Ganze noch komplexer machen. Sehr schön fand ich den Exkurs zur abstrakten Kunst, wie z.B. dem Futurismus, bei dem es u.a. darum ging Gleichzeitigkeit und zeit künstlerisch darzustellen.

Dann begann er unterschiedliche Begriffe herzuleiten und zu definieren, um sie von Simultanität abzugrenzen, bzw. verschiedene Formen von Simultanität zu unterscheiden, z.B. konvergente und divergente Simultanität.

Ich gebe das hier jetzt nicht wieder (ihr könnt euch den Vortrag ja anhören) und ich gestehe, dass ich  irgendwo in der Mitte seiner Ausführungen inhaltlich auch etwas ausgestiegen bin, weil es mir zu komplex wurde.

Trotzdem war es ein unterhaltsamer, kurzweiliger Vortrag. Auch wenn ich nicht alles verstanden habe, habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Ullmaier hat eine super entspannte und sehr sympathische Vortragsart, so dass das Zuhören richtig Spaß macht. Man hat deutlich gespürt, dass er intensiv geforscht hat und voll im Thema ist. Selbst zu den komplexen Publikumsfragen hatte er schnell ausführliche antworten bereit.

Eine der Fragen lautete beispielsweise, warum man überhaupt noch einem linearen Zeitbegriff Folge. Die Antwort: Ullmaiers Forschungsprojekt wird das lineare Verständnis von Zeit zwar nicht umwälzen, aber es öffnet diese strickte Vorstellung von Zeit als gerader Linie insoweit, als dass Zeit und das Erleben von Zeit subjektiv ist, jeder hat also seine eigene lineare Zeit, die er mit dem Zeitstrang anderer in Relation bringen kann, die aber nicht deckungsgleich sein müssen.

Zumindest das nehme ich mit und nehme mir vor, auf meinem Zeitstrang nun jeden Donnerstag einen Blogbeitrag zu schreiben. ^^

 

Sound Writing. Schnittstellen und Schaltsätze von Swantje Lichtenstein

Swantje Lichtenstein ist Künstlerin und Professorin und eine ziemlich coole Frau. Statt dem Publikum auf dem Kölner Kongress in einem schnöden Vortrag samt Powerpoint-Präsi zu erläutern, was es mit der Kunstform Sound Writing auf sich hat, hat sie es einfach exemplifiziert:

Ihr Vortrag war eine Sound Writing Performance!

Das war ziiiiiiemlich nice. Hört unbedingt rein! Sound Writing strebt, nach allem was ich verstanden habe, nach neuen Formen der Literatur. Diese Kunstform kämpft gegen die Auffassung, Literatur müsse in Bücher gepresst sein. Lichtenstein beschrieb es sehr eindrücklich: Bücher seien kein Ausdruck, sondern nur Aufdruck von Sprache. Schrift sei starr und nicht emotional aufgeladen, ein gesprochener Satz schon.

Außerdem setze Sound Wirting auch kritisches Hören voraus. Es ist teilweise Unklares und Verfremdetes zu hören, trotzdem steckt hinter allem sein Sinn, den man nur heraushören muss. Damit ist auch der Unterschied zum Klangspiel gegeben, bei dem auch Sprache eingesetzt wird, es aber ausschließlich um den Klang der Worte und nicht ihren Inhalt geht.

Sound Writing verändere sich im Entstehen. Sound ist nicht lesbar, darum auch nicht 1:1 als Text reproduzierbar. Das ist ein entscheidendes Kriterium. Bei einer Lesung oder einem Poetry Slam könnte man einen Text z.B. einfach mitschreiben und ihn dadurch später 1:1 wieder genauso vortragen. Beim Sound Writing ist diese Reproduktion nicht möglich, weil es kein eindeutiges Notationssystem gibt (den Punkt fand ich sehr spannend, weil ich genau darüber vor etlichen Jahren eine Hausarbeit geschrieben habe). Demnach ist Sound Writing ein transgraphisches System, das Schreiben ist die Transkription und der Computer vermittelt zwischen beiden Notationssystemen.

Daneben nutzt Sound Writing auch technologische und digitale Medien. Leider gab es hier ein paar technische Probleme, so dass die Performance zwei-dreimal ins Stocken geraten ist. Trotzdem war es super!

Ausdruck – Sprache – ist etwas Gesprochenes. Warum soll etwas keine Literatur sein, nur weil es sich im flüchtigen Medium der Luft manifestiert? Ein sehr schönes Plädoyer für Live-Performances als Literaturform. Ich unterstütze das und empfehle jedem, sich den Podcast anzuhören!

 

Gebaute Realitäten von Max von Malotki

Während die ersten beiden Vorträge recht komplex und anspruchsvoll waren, war es bei „Gebaute Realitäten“ vergleichsweise entspannt – aber deswegen nicht weniger spannend!

Max von Malotki ist der reinste Entertainer und hat auf dem Kölner Kongress einen unglaublich witzigen und interessanten Vortrag gehalten. Seine Präsentation war geschmückt mit Memes und Pop-Kultur-Anspielungen, die mir den Tag versüßt haben.

Er berichtete über die Arbeit an einem Spiel: ein Adventure-Game, das ohne Display per Spracheingabe über einen Sprachassistenten (Alexa) gespielt wird. Statt das Geschehen auf einem Bildschirm zu verfolgen, erlebt der Spieler es über den Sound. Wir haben hier also nichts weniger als die Symbiose aus Hörspiel und Computerspiel!

Von der Handlung verriet von Malotki nur so viel, dass es um die Rebellion gegen die böse, alles beherrschende Computer-Entität geht, die zufälligerweise Alexas leblose Computerstimme hat (how fitting!).

Es ging um die Entwicklung einer Handlungsstruktur, der Storylines, der Figuren und welche Fallstricke es geben kann. Hier kämen Best Practices aus der Computerspiel-Branche zum Zug, in der all diese Themen bereits ausführlich erprobt sind.

Was ich gelernt habe: diese Art von Game, v.a. wenn es ohne Bilder auskommen muss, ist Charakter driven und nicht Story driven. Denn es ist die Motivation des Charakters, die der Spieler sich merkt, nicht die komplexe Story.

Eine unbedingte Hörempfehlung, v.a. für Leute, die selbst einen Sprachassistenten besitzen und Bock auf ein interaktives Hörspiel haben, bei dem sie dem Protagonisten aktiv helfen können.

Suuuper cool!

 

Eine Stunde History von Matthias von Hellfeld

Hier blieben wir eigentlich nur sitzen, um die Zeit bis zum Hörspiel zu überbrücken, aber im Endeffekt hat es sich gelohnt.

Eigentlich mochte ich die Sendung „Eine Stunde History“ nicht. Ich hatte mir eine Episode angehört und war ziemlich enttäuscht. Ich dachte, ich bekomme Information knapp und ansprechend verpackt stringent heruntererzählt. Genau das macht die Sendung eben nicht und von Hellfeld erklärte auch warum (hört euch den Podcast an, wenn ihr die Motive wissen wollt – ich habe nämlich nicht mehr mitgeschrieben). Die Sendung ist mit ihrem etwas anderen Konzept ziemlich erfolgreich und ich werde ihr erneut eine Chance geben, jetzt, wo ich weiß, worauf ich mich einlassen muss.

Beim ersten Hören war ich einfach nur zu engstirnig, weil meine Erwartung nicht erfüllt wurde. 😉

 

Live Hörspiel @Wonderworld – The Story of Alice and Bob

Alter. Wäre ich nach dem anstrengenden Tag nicht so matschig im Kopf gewesen, hätte das eine wahnsinnig erhellende Erfahrung sein können. Leider war ich zu erschöpft, um dieses Hörspiel – das eher eine Kunstperformance war – adäquat zu genießen. Es war vielleicht auch etwas naiv anzunehmen, es würde ein banales Unterhaltungsstück kommen (ich kenne doch die Hörspiele vom Deutschlandfunk), bei denen man sich gechillt zurücklehnen und die Augen schließen kann.

Nee, so war es nicht. Es war recht anspruchsvoll und kryptisch – es gab keine Handlung im eigentlichen Sinne, dafür viel Musik, Sound und zwischendurch einige Sprachbeiträge. Hätte ich es im Radio gehört – ich gestehe, ich hätte nach ein paar Minuten abgeschaltet.

Das liegt aber auch nur daran, dass dem Radiohörer die unglaublichen visuellen Eindrücke fehlen! Ich war das erste Mal im Kammermusiksaal, daher weiß ich nicht, ob er immer mit weißen Leinwänden verhangen ist, an die dutzende Beamer perfekte Bewegtbilder werfen. So schien der ganze Saal durch Wolken zu fliegen, matrixmäßige Kaskaden von Zahlen liefen die Wände herab oder diverse Videosequenzen wurden abgespielt.

Ohne diese zusätzliche visuelle Bedeutungsebene hätte ich womöglich überhaupt nichts verstanden.

Soweit ich folgen konnte, ging es in 12 Episoden (unterbrochen von wirklich exquisiter Musik) um jeweils verschiedene Inkarnationen von Alice und Bob, die in Wonderworld aufeinandertreffen. Das verbindende Thema war die Entfremdung durch Digitalisierung: die Entfremdung zwischen Menschen, von sich selbst und von der Umwelt. Und Kapitalismus-Kritik, ja. Da war auch etwas gegen Trendhuldigung und so (mein Hirn war echt matschig).

Der Saal war für mich das eigentliche Highlight. Wann erlebt man schon mal 360° Kino? Das war eine tolle Erfahrung.

Im Podcast ist davon leider nichts zu hören, aber ihr könnt es euch ja vorstellen! 😉

Der Kölner Kongress hat sich auf jeden Fall gelohnt und ich bin nächstes Jahr auf jeden Fall wieder mit dabei!

live performance berliner kunsthochschule YOU ARE deutschlandfunk

Live Performance „YOU ARE“ von Studenten der Berliner Kunsthochschule im Foyer des Deutschlandfunks.

 

Bis nächsten Donnerstag! Da berichte ich von unserem Comic-Workshop im Vorfeld der Comiciade.

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